Verliebtsein vs. lieben

Langjährige, dauerhafte Beziehungen sind wohl heutzutage eher die Ausnahme. Eine der Ursachen ist häufig das im Laufe der Zeit immer schwächer werdende und schließlich gänzlich fehlende Gefühl von Verliebtheit.

Dabei ist Verliebtheit ein neuronaler und biologischer Ausnahmezustand, der ein klein wenig vergleichbar ist mit einem Drogenrausch, Gefahrensituationen oder anderen Extremen. Im Stammhirn werden in dieser Situation verstärkt Adrenalin und Dopamin ausgeschüttet, sogenannte „laute“ Botenstoffe.

Für Körper, Geist und Seele ist dieser Ausnahme-zustand sogar richtig anstrengend und kann schon deshalb nicht für längere Zeit durchgehalten werden.

 

Das was optimalerweise danach folgt ist Liebe, die in einer völlig anderen Hirnregion (im Frontallappen des Großhirns) verankert ist. Dabei werden sogenannte leise Botenstoffe ausgeschüttet, wie beispielsweise Serotonin, Oxytocin und Endorphin. Diese Botenstoffe machen sich weit weniger stark bemerkbar, sorgen aber auf sanfte Weise für ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Angekommensein.

 

Anders gesagt: Verliebtheit hat mit Liebe nichts zu tun! Es ist eines der großen Missverständnisse in Beziehungen, dass es mit der Zeit nicht mehr so „prickelt“ wie am Anfang. Der magische Zauber ist nicht mehr da. Viele Paare sind dann in der irrigen Annahme, ihre Beziehung wäre deswegen nicht mehr in Ordnung.

 

Vermutlich könnten einige Trennungen vermieden werden, wenn die Partner sich bewusst machen würden, dass fehlendes Verliebtsein nichts mit mangelnder Liebe zu tun hat. Es ist neurobiologisch schlichtweg unmöglich, auf Dauer verliebt zu sein.

 

Nun gibt es natürlich tatsächlich Beziehungen, bei denen nach der Phase des Verliebtseins nicht mehr viel oder gar nichts mehr bleibt. Insofern soll es selbstverständlich nicht darum gehen, einen Status Quo zu halten, der sich für beide Partner falsch anfühlt. Aber viele Beziehungen werden beendet, obwohl es ein gutes Grundgefühl und eine hohe Zufriedenheit gab.

 

Sicherlich ist der Druck auf Paare heute größer als noch vor wenigen Jahrzehnten. In den klassischen Medien, aber noch stärker in den sozialen Medien, wird eine Welt inszeniert, die Menschen zeigt, bei denen scheinbar immer alles perfekt läuft. Instagram-Bilder oder Facebook-Posts suggerieren das große Glück und verstärken beim Betrachter das Gefühl, etwas zu verpassen oder mit seinem Leben, seiner Beziehung nicht gut genug zu sein.

 

Statt sich dem medialen Druck zu beugen und ein Gefühl der Unzufriedenheit zu entwickeln, wäre es klüger, sich viel mehr dessen bewusst zu sein, wie gut es einem gerade geht. Wir sehen viel zu oft nur das, was uns (vermeintlich) fehlt und viel zu selten das, was wir in unserem Leben haben.

 

Wenn das wuchtige Gefühl des Verliebtseins vergangen ist, beginnt die stillere Zeit der Liebe. Die Zeit, in der man sich bewusst machen sollte, dass die Intensität der Verliebtheit nichts, aber auch wirklich gar nichts damit zu tun hat, wie stabil und langfristig sich eine Beziehung entwickelt. Es lohnt sich also, sich vom vermeintlichen idealbild abzuwenden und sich die eigene Partnerschaft genauer anzuschauen. Was ist mir wertvoll an diesem Menschen, mit dem ich mein Leben teile?

 

 

Fatal wäre, wenn mit dem Gefühl des schwindenden Verliebtseins eine gewisse Gleichgültigkeit einher-kommt. Liebe ist ein wertvolles Geschenk, welches aktiver Pflege bedarf. Die Partnerin oder der Partner sollte einem nie selbstverständlich werden. Das heißt auch, dass man Liebe und Zuneigung nicht einfach nur passiv genießen kann. Wer nicht aktiv an seiner Beziehung arbeitet, sondern sich nur allein auf das Engagement des Partners verlässt, wird früher oder später sehr unglücklich sein – oder sehr allein.

 

"Ich verliebe mich immer in die Falschen!"

kennst Du diesen Satz? Von Freunden oder vielleicht sogar von Dir selbst? Tatsächlich verlieben wir uns eben oft in Menschen, die uns zwar für eine gewisse Zeit aufregend erscheinen, die aber nicht die Richtigen sind, um eine langfristige Beziehung aufzubauen.

 

Es lohnt sich daher, die eigenen Werte, die man für eine dauerhafte Partnerschaft hat, mit dem Persönlichkeitstyp abzugleichen, in den man sich typischerweise verliebt. Wenn Du große Differenzen entdeckst, solltest Du gegebenenfalls sogar auf die Phase des Verliebtseins ganz verzichten.  

 

Die Phase des Verliebtseins zu überspringen klingt zugegebenermaßen ungewöhnlich – und ist vielleicht auch nicht sehr romantisch. Es ist aber notwendig, wenn man tatsächlich die Tendenz hat, sich immer wieder in die „Falschen“ zu verlieben. Stattdessen sollte man in diesem Fall sogar eher analytisch an die Partnersuche herangehen, um die Person zu finden, mit der man wirklich eine langfristige Beziehung aufbauen kann. In Asien sagt man:

 

„Es ist nicht wichtig, sich verliebt in die Augen zu schauen. 

Viel wichtiger ist es, in eine gemeinsame Richtung zu schauen.“

 

Lass Dich von dem medial verbreiteten Verliebtheitskult nicht verrückt machen. Es ist nämlich völlig in Ordnung, wenn eine Partnerschaft nach einer gewissen Zeit nicht mehr jeden Tag vor prickelnder Aufregung sprüht. 

 

Gemeinsamkeit über eine lange Zeit genießen, sich dessen bewusst sein, dass es ein großes Geschenk ist, Teil des Lebens eines anderen Menschen zu sein - das ist Liebe. Die Magie dieses tiefen Gefühls spüren zu dürfen ist mehr, als man im Rausch des Verliebtseins je erleben könnte: Wenn dieses unmögliche Wunder, dass zwei Menschen ihr Leben dauerhaft teilen, eben doch möglich wird. 

 

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Kapitels aus dem Buch HOCHSENSIBEL LIEBEN, bestellbar hier.

(C) 2020 Arne Salig (Text) / (C) 2020 Ronny Overhate / Pixabbay (Foto)