Leben. Vor dem Tod.

Die Bilder, die momentan unser Leben beherrschen, haben viel mit dem Tod zu tun. Das neuartige Corona-Virus versetzt Menschen in aller Welt in Angst. Angst vor Ansteckung, Angst vor Krankheit, Angst vor dem Tod.

 

Kaum gibt es (zumindest in Deutschland) erste Anzeichen für eine Entspannung, werden die Forderungen nach Lockerung der Einschränkungen laut, die wir alle seit vier Wochen hinnehmen müssen. Die Menschen möchten zurück ins Leben. In das Leben, wie es vor Corona einmal war. Oder anders gesagt: Viele halten die momentane Situation einfach nicht (mehr) aus. (Anm.: Es geht in diesem Beitrag keineswegs um Personen, die z.B. an Depressionen oder Angststörungen leiden. Für sie stellt diese Zeit eine enorme Belastung dar.)

 

In einem Gespräch mit einer Kollegin sprachen wir vor einigen Tagen darüber, dass der Corona-Shutdown quasi wie ein Brennglas Lebenslügen offenlegt und als sicher angenommene Wahrheiten in Frage stellen lässt. Da merken Paare auf einmal, dass ihre Beziehung nur so lange gut funktioniert, wie sie sich nur wenige Stunden am Tag sehen. Auch im Urlaub sind sie meist durch äußere Aktivitäten hinreichend abgelenkt. Nur jetzt, in Zeiten von Corona, funktioniert genau das nicht mehr. Es gibt kaum noch Möglichkeiten, die innere Leere durch Reize von außen zu übertönen.

 

Im ersten Moment ist es sicher nachvollziehbar, wenn Menschen, deren Lebensmodell gerade offensichtlich Risse bekommt, schnellstmöglich in ihr altes, gewohntes Leben zurückwollen. 

   

Aber kann es wirklich wieder so sein wie zuvor? Und soll wirklich wieder alles so sein, wie es einmal war? Unbewusst bleibt den Betroffenen das Gefühl, dass in ihrem Lebensentwurf etwas nicht stimmt, dauerhaft erhalten. 99,9% unserer Gedanken findet unbewusst statt. Nun können Betroffene natürlich nach dem Ende des Lockdowns wieder beginnen, durch Impulse von außen wieder positive Energie in ihr Leben bringen. Die 0,1% bewusstes Denken (Handeln und Erleben) wird dies ganz bestimmt freuen, aber im Unterbewusstsein nagen Zweifel, Unzufriedenheit - vielleicht auch Trauer und Wut. 

 

Wäre es nicht besser, darüber nachzudenken, was eigentlich ein erfülltes Leben ausmacht? Muss man Angst vor dem Tod haben, wenn man wirklich glücklich gelebt hat? 

 

Carlo Pedersoli schwamm in den 50er-Jahren als erster Italiener die 100 Meter Freistil unter einer Minute und war bei den Olympischen Spielen dabei. Später wurde er Sänger, Komponist und Erfinder einer Einwegzahnbürste mit integrierter Zahnpasta. Wirklich erfolgreich wurde er allerdings erst später, als er in Filmen unter seinem Künstlernamen Bud Spencer Karriere machte. Er führt ein buntes Leben, mit vielen Höhen und Tiefen. Trotz aller unterschiedlichen Aktivitäten blieb er immer sich selbst treu. Er liebte sein Leben und war dankbar und demütig. Das letzte Wort vor seinem Tod war "Grazie".

 

Wie schön wäre es, das Leben wirklich zu leben, anstatt nur gelebt zu werden. Um am Ende des Lebens dankbar sein zu können - unabhängig davon, wann uns dieses Ende ereilt. Angst vor dem Tod braucht man nicht zu haben, wenn das Leben erfüllt ist. Denn wir alle wissen, dass wir sterben werden. Oder wie Seneca es formulierte: Der Tod ist die einzige Gewissheit im Leben.*

 

Insofern eignet sich diese Zeit, die unser gewohntes Leben so gravierend einschränkt, hervorragend um sich einige essentielle Fragen zu stellen.

 

Was macht ein erfülltes Leben für mich aus? Was ist mein persönlicher Lebenssinn?

Was macht mich nachhaltig glücklich? Das, was ich habe oder das, was ich bin?

Wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte: Was würde ich dann tun?

Was mache ich wirklich für mich? Und was nur für Andere (sei es, um sie zu beeindrucken oder im Gegenteil um möglichst wenig aufzufallen)?

Welche fünf Dinge will ich unbedingt noch erleben?

 

Vielleicht erhält der Corona-Lockdown auf diese Weise einen wirklichen Sinn und verliert von seiner Bedrohlichkeit. Zeit innezuhalten, Zeit nachzudenken. Für ein neues Leben.

 

* siehe hierzu auch den Artikel Die einzige Gewissheit (Hier)

 

(C) 2020 Text: Arne Salig / Foto: Pixabay