Die positive Kraft der Enttäuschung

Wer wird schon gerne enttäuscht? Oder enttäuscht Andere gerne? Außer Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen ist es kaum jemanden egal, wie sich die Mitmenschen fühlen. Schon gar nicht, wenn diese Mitmenschen eine besondere Bedeutung haben - sei es als Freunde, geschätzte Kollegen oder gar als Partner. 

 

Es fällt uns schwer, gerade solche Menschen zu enttäuschen. Menschen. die uns wichtig sind. Im Zweifelsfall zögern wir diese Situation hinaus - nicht selten um Monate und Jahre. Aus Angst, den Anderen zu enttäuschen.

 

Was dabei auf der Strecke bleibt, sind unsere eigenen Bedürfnisse. Nehmen wir folgendes Beispiel: Eine Beziehung funktioniert nicht mehr richtig. Das Paar ist schon eine Weile zusammen, war anfangs sehr glücklich, doch bei einem der Partner kommt der Wunsch auf, sein Leben zu verändern. Wenn diese Veränderung so stark ist, dass die Beziehung daran zerbrechen würde (weil z.B. der andere Partner diese Veränderung nicht mittragen kann oder will), dann wird oftmals auf diesen Schritt verzichtet - aus Angst, den Partner zu enttäuschen.

 

Doch zerlegt man das Wort "Enttäuschung" einmal, wird der eigentliche Sinn deutlich: Ent-Täuschung. Das heißt: Durch die Enttäuschung beendet man ein Täuschung. Sich selbst und Anderen gegenüber. 

 

Um bei dem Beispiel zu bleiben: Der Partner, der eine Veränderung wünscht, täuscht seinen Partner, indem er seinen Wunsch für sich behält. Er tut so, als ob alles in Ordnung sei, obwohl er in der Konstellation nicht wirklich glücklich ist. 

 

Kein Mensch, verdient es, getäuscht zu werden. Insofern hat eine Enttäuschung -so schmerzlich sie in dem Moment auch sein mag- letztlich eine positive Kraft, nämlich das Ende einer Täuschung.

 

(C) 2018 Text: Arne Salig / Bild: Pixabay