Die einzige Gewissheit

Im Frühjahr diesen Jahres starb mein Vater - wie es in Traueranzeigen so oft heißt: "Plötzlich und unerwartet".

Noch wenige Wochen vor seinem Tod hatte sein Hausarzt ihm einen hervorragenden Gesundheitszustand attestiert und scherzhaft gemeint, das mein Vater sich einen neuen Ausweis besorgen solle, denn nach seinem biologischen Alter sei er um mindestens acht Jahre jünger als sein tatsächliches Alter. 

Mein Vater wurde 80 Jahre alt. Nun ist es ja nicht ganz unwahrscheinlich, dass ein Mensch in diesem Alter stirbt, aber wie so viele Andere habe ich die Gedanken an den Tod verdrängt. Bis sie sich nicht mehr verdrängen ließen.

 

Dabei ist der Tod "die einzige Gewissheit im Leben", wie Seneca es vor fast 2.000 Jahren so treffend formulierte. Dennoch verdrängen wir Menschen diese Gewissheit. Der Tod macht uns Angst, erscheint uns bedrohlich und wir hoffen ihn für uns und unsere Angehörigen in möglichst weiter Ferne. Tatsächlich sind Senecas Worte ja sehr, sehr wahr. Wir können unser Leben zwar planen und aktiv gestalten, aber letztlich wissen wir nicht, was uns alles erwarten wird. Was jedoch unvermeidlich ist: Wir werden sterben.  

 

Wenn ein naher Mensch stirbt, bleibt für die Hinterbliebenen oft das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Absolutheit und Endgültigkeit des Todes. Und sehr häufig geht dieses Gefühl auch mit dem nun unerfüllbaren Wunsch nach Themen einher, die man dem Verstorbenen gerne noch gesagt hätte oder auch nach Dingen, die man gerne noch gemeinsam erlebt hätte.

 

Und genau hier rächt sich, dass wir Gedanken an den Tod verdrängen. Wie wäre es stattdessen, wenn wir unseren Nächsten immer gleich sagen würden, was uns an Ihnen wichtig ist. Wenn wir (oder unsere Nächsten) jederzeit gehen könnten und wir wüssten, dass nichts Ungesagtes und Unerlebtes zurückbleibt.
Unser Leben wird irgendwann enden. Wir sollten nichts zu viel auf "später" verschieben, weil wir nicht sicher sein können, dass wir dieses "später" auch wirklich erleben. Und wenn wir geliebte Menschen immer so behandeln, dass nichts Ungesagtes zurückbleibt, dann  können wir gelassen leben. "Die einzige Gewissheit" verliert ihren Schrecken, wenn wir im Jetzt nichts aufschieben und unser Leben genießen.

 

Ich hatte das Glück, dass ich in den sechs Wochen vor dem Tod meines Vaters mit ihm sehr intensive Momente verbringen durfte. Momente für die ich nun unendlich dankbar bin.  Ich vermisse ihn unendlich, aber ich wünsche mir, dass er mit der Gelassenheit sterben konnte, dass nichts Ungesagtes offen geblieben ist.

 

Das Leben ist endlich, der Tod unvermeidlich. Bis dahin sollten wir... leben! 

 

(C) 2019 Text: Arne Salig / Foto: Pixabay