Auf ins neue Jahrzehnt - (K)ein Rückblick

Im Dezember 1999 absolvierte ich den Abschluss als Psychologischer Berater als Jahrgangsbester, worüber ich selbst wohl am meisten überrascht war. 

Unglaubliche zwanzig Jahre sind seitdem vergangen und im Rückblick fällt es schwer zu glauben, was sich seitdem alles verändert hat. 


Der Jahrtausendwechsel stand damals bevor. Es herrschte Panik, dass am 01.01.2000 um 0:00 weltweit alle Computersysteme abstürzen würden. Ich schrieb damals auf meiner Website (heute würde man das Blog nennen): "Ich habe noch nicht ganz verstanden, woher ein in Taiwan hergestelltes Haushaltsgerät weiß, wann in Deutschland Silvester ist." Während die eine Hälfte der Menschheit damit beschäftigt war, Computer und Netzwerke zu schützen, bereitete sich die andere Hälfte auf die Party aller Parties vor. Schließlich stand nicht irgendein Silvester bevor - sondern ein Jahrtausendwechsel!      


Psychische Belastungen oder Erkrankungen spielten in der medialen Öffentlichkeit so gut wie keine Rolle. In meinem Bekanntenkreis gab es genau eine Person, die an Depressionen litt. 


Insofern hat der Abschluss als Psychologischer Berater damals auch im Bekanntenkreis für Verwunderung gesorgt. Beim Abschluss als "Zertifizierter Trainer, Coach und Dozent" fünfzehn Jahre später war das schon anders.


Das Angebot an Coachings ist zu einer regelrechten Epidemie geworden und ich habe mitunter den Eindruck, dass es mehr Coaches als potentielle Coaching-Klienten gibt. Die Bezeichnung "Coach" ist nicht geschützt und so darf sich jede Person Coach nennen, die sich dazu berufen fühlt - auch ohne jegliche Ausbildung. Und nicht wenige machen genau das...


Depression sind heute eine regelrechte Volkskrankheit.  Mit etwa vier Millionen Betroffener allein in Deutschland gehört die Depression neben Herzinfarkten und Krebs inzwischen zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Tatsächlich geht man noch von einer weit höheren Anzahl Betroffener aus, denn Experten schätzen, dass über 60 Prozent aller Depressionen niemals behandelt werden. Depressionen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen, gegenwärtig leiden etwa 7 -10% aller Europäer unter einer Depression. Die Wahrscheinlichkeit im Laufe des Lebens an einer Depression zu erkranken liegt für Männer bei 12%, für Frauen bei 26% (also jeder achte Mann und jede vierte Frau).

 

Auch Angststörungen haben dramatisch zugenommen - genau genommen haben sich fast alle psychischen Störungen und Erkrankungen epidemieartig vermehrt. Aber warum ist das so? Was ist heute so anders als vor zwanzig Jahren? 

 

Forschungen sprechen von einem beschleunigten Lebenstempo, von einer höheren Reizdichte und stärkeren Reizintensität aber auch von immer stärkerer Arbeitsverdichtung. Nicht wenige halten die digitalen Gadgets unserer Zeit für eine der Ursachen dieses Übels. Smartphones, Tablets, Smartwatches und ähnliche Dinge sind ständige Begleiter unseres Alltags geworden. 

 

In der Tat gab es zwar vor zwanzig Jahren schon das Internet, aber man musste sich mühsam einwählen - und das auch nur am PC oder Laptop. Ältere erinnern sich vielleicht noch an den Werbespot mit Boris Becker, der gebannt auf einen Bildschirm starrte und sich schließlich mit den Worten "Ich bin drin!" freute, dass es ihm gelungen war, ins Internet zu kommen. Der Weg dahin war begleitet von krächzenden Modems und die Übertragungsgeschwindigkeit hatte mit dem Wort "Geschwindigkeit" eigentlich nichts zu tun. Bilder bauten sich langsam, Pixel für Pixel, auf und es dauerte mitunter minutenlang bis eine Website vollständig geladen war.

 

Smartphones gab es 1999 natürlich noch nicht- ihre Erfindung sollte noch acht Jahre auf sich warten lassen. Und wenn man uns damals erzählt hätte, dass wir dereinst kleine Geräte mit uns herumtragen würden, mit denen man all das machen kann, was man heute eben mit Smartphones machen kann - wir hätten es für Science Fiction gehalten.

 

Unser Leben hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch gewandelt. Wir arbeiten vollkommen anders und auch unser Freizeitverhalten ist ein gänzlich anderes. Wir leben in einer Zeit, die trotz der einfachen Möglichkeiten, Dinge digital zu erledigen, unglaublich komplex geworden ist. Und wir leben in einer Zeit, in der die Medien und die Industrie nahezu alles mit unglaublich viel "Emotionen" aufblasen. Fast alles ist heute so überemotionalisiert, dass die puren, echten Emotionen oftmals als "zu gering" empfunden werden. Und so pusten auch wir unsere Emotionen für Instagram und Facebook nochmal gewaltig auf. Freuen wir uns über etwas? Nein, mindestens fühlen wir uns "gesegnet" (eine der bei Facebook am häufigsten verwendeten verwendeten Stimmungen).

 

Sicherlich sind soziale Medien nicht alleine schuld daran, dass psychische Erkrankungen sich so stark vermehrt haben, aber jüngere Studien lassen zumindest darauf schließen, dass Facebook, Instagram und Co. Menschen trauriger und einsamer machen. So steigt z.B. laut einer Studie der University of Pittsburg bei Menschen, die mehr als zwei Stunden täglich auf sozialen Plattformen verbringen, die Wahrscheinlichkeit, dass sie sozial isoliert sind, auf einen doppelt so hohen Wert wie bei Menschen, die weniger als eine halbe Stunde dort verbringen. 

 

Die Konzerne, die hinter den Netzwerken stehen, versuchen alles, um die Nutzer zu soviel Bildschirmzeit wie möglich zu bewegen. Und wenn man sich anschaut, was an technischen Entwicklungen in Planung ist, sollen wir künftig noch vernetzter und digitaler leben. Ein Ansatz ist, dass zukünftig In-Ear-Kopfhörer eine zentrale Rolle spielen. Es wird an künstlicher Intelligenz geforscht, die es ermöglichen soll, bestimmte Gehirnströme als digitalen Befehl im Kopfhörer messbar zu machen. Klingt nach Science Fiction. Wie 1999 die Smartphones...

 

Bis es soweit ist können wir nur versuchen, mit der Technik so achtsam wie möglich umzugehen. Vielleicht mit einen bildschirmfreien Abend pro Woche (also auch ohne Laptop, Fernseher oder Tablet)? Oder das Smartphone von 20:00 bis 8:00 auf Flugmodus stellen? Einen Tag pro Woche ohne Messenger, Whatsapp, Facebook, Instagram, etc.? 

 

Und vielleicht sollten wir versuchen, wieder unsere echten, authentischen Gefühle bewusst wahrzunehmen. Uns dessen bewusst sein, dass jede der 86.400 Sekunden, die ein Tag hat, ein wertvolles Geschenk ist. Mein Freund Mario Hené schrieb in dem Lied (D)EINE ZEIT:

 

"Hier bist Du einmal

ein kleiner Stern in der Ewigkeit

Hier ist Dein Leben

Es gibt nur eine Zeit:
Deine Zeit"

 

Wer weiß, was das nächste Jahrzehnt bringen wird. Denn das ist auch so eine Sache, die sich in den letzten zwanzig Jahren geändert hat: Es gibt keine Gewissheiten mehr. Es ist fast unmöglich geworden, Entwicklungen vorauszusagen, eben weil die Welt so komplex und vernetzt ist, wie nie zuvor. Gleichzeitig erleben wir eine nie dagewesene Hysterie, mit der Themen "diskutiert" werden. Jeder glaubt, dass seine Weltsicht (und sei sie noch so beschränkt) die Wahrheit sei. Dementsprechend (v)erbittert werden Debatten heute geführt. Es scheint die falsche Zeit für ruhigen Pragmatismus.

 

Glaubt man astrologisch versierten Menschen, steht das neue Jahrzehnt für massive Veränderungen.  Denkt man zwanzig Jahre zurück, sieht man auch dort unglaublich viele Veränderungen, gar Umwälzungen. Ein kluger Theologe schrieb im vergangenen Jahrhundert:

"Life is a journey

not a destination" 

 

Und was für das Leben gilt, gilt auch für den Lauf der Welt: Sie ist im permanenten Wandel. Ich bin gespannt, wie wir in zwanzig Jahren auf das Jahr 2019 zurückblicken werden.

 

Erst einmal wünsche ich Dir / Ihnen einen schönen Start in das neue Jahrzehnt! 

 

(C) Text: 2019 Arne Salig / (C) Foto: Jonny Lindner / Pixabay